Einsatztagebuch

Mit den Aufständischen in Takistan hatte es die 14. Jägerkompanie schon öfter zu tun. Dieses Mal entwicklete sich eine einfache Patrouille viel dramatischer als erwartet.

Karte: Takistan

Datum: 30. 01. 2016

 

Slotliste:

Zugtrupp II./ 14
1. ZgFhr: SU Kane
2. stv. GrpFhr: HG Neemo
3. FAC:
4. Schütze: HG Ugga
5. Schütze: Jg Reddog
6. Schütze: HG Ilocks
7. Anwärter:
8. EEH-B:
9. Schütze/MKF: HG Swift
10. Schütze/RiS:

Gruppe 1./ II
11. GrpFhr: U Schmello
12. stv. GrpFhr: HG(ua) Alex
13. Schütze: HG(FA) Spades
14. Schütze: HG Doc Holliday
15. Schütze: HG Deadalus
16. Schütze: 
17. Anwärter: A Tobser
18. EEH-B: HG Biersen
19. Schütze/MKF: OSG Fat Toni
20. Schütze/RiS: OSG Swarley

 

Einsatzbericht:

Rasman. (dpa) Die westliche Koalition sieht sich in Takistan offenbar einer viel größeren Gefahrenlage ausgesetzt, als bislang vermutet. Nach Informationen der Deutschen Presseagentur sind die Aufständischen in den Besitz gepanzerter Fahrzeuge gekommen, die sie nun gegen die Soldaten der internationalen Mission „United Force“ einsetzen. „Heckenschützen und Sprengfallen sind schon schlimm genug. Wenn hier jetzt noch Schützenpanzer rumkurven, ist das Land kaum noch zu kontrollieren“, sagte ein Offizier des Bundeswehr-Kontingents, der seinen Namen nicht öffentlich genannt haben möchte. Von offizieller Seite kommen derweil ausweichende Informationen. „Zu Spekulationen über gepanzerte Fahrzeuge in den Händen der Aufständischen äußern wir uns nicht, solange die Evaluation der zurückliegenden Einsätze nicht abgeschlossen ist“, sagte ein Sprecher der Missionsleitung in Rasman.

 

Woraus diese Evaluation bestehen soll, erscheint unterdessen fragwürdig. Korrespondenten erhielten schon nach wenigen Nachfragen im Bundeswehr-Feldlager Loy Manara Augenzeugenberichte aus einem Kampfeinsatz, bei dem sich die deutschen Soldaten tatsächlich Panzerfahrzeugen gegenüber sahen und nur knapp überlebten. „Es sollte ein ganz normaler Tag werden: rausfahren, patrouillieren und Präsenz zeigen“, berichtet Stabsunteroffizier Kane, der Anführer des Bravo-Zugs der 14. Jägerkompanie. Also machten sich die deutschen Soldaten auf die Fahrt zum Außenposten Jilavur.

 

„Von da ging es zu Fuß weiter“, erinnert sich Unteroffizier Schmello. „Das machen wir immer so. Schließlich wollen wir mit den Leuten ins Gespräch kommen.“ Der Marsch entlang einer Straße durch ein Hochgebirgstal blieb ohne ungewöhnliche Vorkommnisse. „Ich musste zwei Mal ran, weil es IED-Verdacht gab. Da war aber nichts“, sagt der Entschärfungsexperte Hauptgefreiter Fat Toni. Richtig mulmig wurde den Soldaten erst, als das Dorf Shukurkalay in Sicht kam. „Kaum Zivilisten zu sehen. Sehr ungewöhnlich“, erinnert sich Hauptgefreiter Alex, der bereits zum dritten Mal in dem nahöstlichen Land ist. Also bezog Kane mit seinem Zugtrupp südlich der Talstraße einen Beobachtungsposten auf einem Hügel. Der Rest seiner Männer arbeitete sich weiter neben der Straße an den Ort heran.

 

„Zuerst war alles ruhig, zu ruhig“, berichtet Schmello. Schnell sollten sie auch merken, warum kaum jemand auf der Straße war. „Mitten auf der Straße hielt ein Bewaffneter einen Zivilisten in Schach“, beobachtete Hauptgefreiter Spades. Noch während die Truppführer ihr weiteres Vorgehen abzustimmen versuchten, peitschte schon der erste Schuss durch den Tal. Der Kämpfer hatte sein Opfer einfach niedergeschossen. Offenbar hatten seine Kameraden inzwischen auch die herankommende Bundeswehreinheit bemerkt und eröffneten das Feuer.

 

Seine Männer und er warfen sich hinter Mauern in Deckung und erwiderten das Feuer. „Die Lage entwickelte sich kritisch, blieb aber kontrollierbar“, lautet die Bewertung von Kane. Sein Zugtrupp nahm den Gegner, der sich zwischen den Häusern zeigte, unter Beschuss und verschaffte der größeren Abteilung den nötigen Bewegungsraum, um zwischen den Gebäuden vorzudringen. Auch zwei bewaffnete Jeeps, die aus Richtung Khushab in den Ort rollten, waren für die Soldaten kein Problem, die ihr Feuer aus zwei Richtungen gut auf die Ansiedlung lenken konnten.

 

Plötzlich kam Unruhe in der Hügelstellung des Zugtrupps auf. „Aus Richtung Südwest, aus Chaman, rollte plötzlich ein Radpanzer über die Landstraße heran“, berichtet Hauptgefreiter Ugga. „Sowas hatte ich hier noch nicht gesehen. Und dazu kamen noch bestimmt 15 Schützen.“ Schnell alarmierte der Zugtrupp per Funk die Soldaten in der Stadt. Hastig verschanzten sich die Männer, so gut es ging. „Zum Glück hatten wir unsere Panzerabwehrwaffe Milan dabei, um befestigte Stellungen zu bekämpfen“, sagt Kane. Er ließ das Gerät aufbauen und den Gegner erst einmal herankommen, um ihn gezielt zu bekämpfen. Nachdem die erste Rakete den Panzer verfehlte, waren die Angreifer gewarnt. „Bis ich das verdammte Ding endlich ausschalten konnte, bekamen die Kameraden ganz schön was ab“, berichtet Raketenschütze Swift. Es wurde ein längeres Feuergefecht, bis die Bundeswehr die Aufständischen aus Shukurkalay verdrängt hatte.

 

„In der Situation gab es nur Eines: Nachsetzen und die vermutete Basis des Gegners in Chaman ausschalten“, begründet Kane sein weiteres Vorgehen. Zügig, aber mit der gebotenen Sicherheit arbeiteten sich die beiden Trupps die Straße entlang, immer bereit, einander Deckung zu geben. Es blieb bei vereinzelten, kurz auftauchenden Gegnern. Offenbar hatten die Aufständischen dort jedoch schon gewütet und sich weitgehend zurückgezogen: An einer Mauer fanden die Bundeswehrsoldaten fünf erschossene Dorfbewohner. Viel ausrichten konnten sie in dem Ort nicht mehr, außer eine Stolperdrahtmine an der Straße zu sprengen.

 

Das war offenbar das Alarmsignal für die verbleibenden Aufständischen. „Sofort setzte heftiges Feuer ein. Offenbar hatte der Gegner ein schweres Maschinengewehr, und auch Motorengeräusche waren wieder zu hören“, berichtet Schmello, der an der Spitze der Bundeswehrtruppe kämpfte. Dazu kam das unübersichtliche Gelände. Offenbar hatten die Verteidiger von Chaman sich hinter einer Erdwelle versteckt. „Wir konnten das MG noch ausschalten, hatten aber viele, zum Teil schwer verletzte Ausfälle“, beschreibt Kane die sich rapide verschlechternde Lage. Auch sein Milan-Trupp war nicht mehr einsatzbereit. Dass der Jägerzug dennoch nicht aufgerieben wurde, ist wohl vor allem auf den Mut Einzelner und eine Portion Glück zurückzuführen: Einer von Kanes Leuten kam an die Panzerfaust, die ein schwer verletzter Kamerad fallen gelassen hatte. Mit einem Schuss aus nächster Nähe ging der Panzer in Flammen auf. Die Verstärkung, die mit Schützenpanzern von Loy Manara gekommen waren, brauchten nicht mehr einzugreifen und konnte sich auf den Abtransport der Verwundeten konzentrieren.

 

Für die Soldaten der 14. Jägerkompanie war der Einsatz noch einmal glimpflich abgelaufen. Die Führung von „United Force“ muss sich jetzt aber einigen unangenehmen Fragen stellen: Wie konnten die Aufständischen an Panzerfahrzeuge kommen? Warum waren die internationalen Truppen nicht gewarnt? Hat die Aufklärung versagt? Kann die Mission unter solchen Bedingungen überhaupt noch erfolgreich enden? Muss nicht zumindest die Ausrüstung der Soldaten dringend an die neue Bedrohung angepasst werden?